Ratgeber zur Sterbehilfe

Was bedeutet Sterbehilfe?

Sterbehilfe ist ein Überbegriff für Maßnahmen, die das Leben eines Menschen vorzeitig beenden, um ihn aus einer durch Krankheit oder schweren psychischen Not geprägten Lebensphase zu befreien, deren Ende nicht absehbar ist. Da hier die Grenzen fließend sind und der Betroffene oftmals kein Einverständnis mehr geben kann, sind einerseits die Bewertungen der Sterbehilfe aus ethischer und rechtlicher Sicht und andererseits ihre differenzierten Bezeichnungen sehr unterschiedlich. Die Begriffe ‚assistierter Suizid‘, ‚Tötung auf Verlangen‘ oder ‚Euthanasie‘ zeigen auf, wie schwerwiegend die Thematik der Sterbehilfe ist.

Grundsätzlich ist bei der Sterbehilfe zusätzlich zum Sterbewilligen mindestens eine weitere Person am Geschehen beteiligt. Zunächst geht darum, den körperlichen und mentalen Zustand des Patienten fachgerecht zu diagnostizieren und die möglichen Maßnahmen einer Therapie abzuwägen. Diese hängen von der Funktionsfähigkeit der Organe, von dem Bewusstsein des Patienten, von seinem Alter sowie von der Aussicht auf ein Weiterleben ab. Es geht um folgende Frage: Welches Therapieziel kann realistischerweise erreicht werden? Welche Maßnahmen sind dafür notwendig? Stehen die Mittel, die aufgewendet werden müssen, und das Ergebnis, das erzielt werden kann, in einem annehmbaren Verhältnis zueinander? Das medizinische Fachpersonal unterscheidet zwischen einer Lebensverlängerung und einer Sterbeverlängerung, denn Patienten in hohem Alter und solche in jungen Jahren reagieren mitunter unterschiedlich auf dieselbe Behandlung.

In Zusammenhang mit der Patientenverfügung gewinnt die Sterbehilfe an Bedeutung, wenn Sie überlegen, in welchen Fällen Sie sich beispielsweise wünschen würden, dass bei Ihnen die künstliche Beatmung abgeschaltet wird. Daher soll im Folgenden auf die verschiedenen Arten der Sterbehilfe eingegangen werden, damit es Ihnen abschließend leichter fällt, eine Aussage dazu in der Patientenverfügung zu treffen.

Aktive Sterbehilfe

Bei der aktiven Sterbehilfe wird der Tod gezielt herbeigeführt. Hat die entsprechende Person den Wunsch dazu geäußert oder wird ihr Wunsch vermutet, so können ihr spezielle Medikamente verabreicht werden, die zum Tod führen. Hierzu gehört eine Überdosis von Narkose-, Beruhigungs- oder Schmerzmitteln ebenso wie von Insulin, Kalium oder eines Muskelrelaxans. Die aktive Sterbehilfe unterscheidet sich von Mord oder Todschlag durch die Willensäußerung desjenigen, der nicht mehr leben möchte. So wird sie mitunter auch als Tötung auf Verlangen bezeichnet. Dies ist dann der Fall, wenn die betroffene Person selbst nicht mehr in der Lage ist, das entsprechende Medikament zu sich zu nehmen. Aufgrund der historischen Ereignisse rund um den Nationalsozialismus und den als Euthanasie (griech. für guter Tod) beschönigten Massenmord an Juden und Andersdenkenden im Dritten Reich wird die aktive Sterbehilfe in Deutschland sehr kritisch gesehen und mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug geahndet. Sie ist mit wenigen Ausnahmen weltweit verboten. In den Niederlanden darf sie von einem Arzt durchgeführt werden, wenn er bestimmte Auflagen erfüllt. Ähnliches gilt für Luxemburg, Belgien und den US-Bundesstaat Oregon.

Passive Sterbehilfe

Passive Sterbehilfe findet dann statt, wenn ein Sterbender nicht mehr geheilt werden möchte, aber dennoch eine medizinische Begleitung erhält. Die passive Sterbehilfe beinhaltet, dass die bisherigen medizinischen Maßnahmen, die ein aktives Handeln der medizinischen Fachkräfte implizierten, beendet werden. Dazu zählen zum einen der Einsatz von Apparaten wie Beatmungsmaschinen, dem Herzschrittmacher oder der Dialyse, zum anderen aber auch Medikamente, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen sollen, wie Antibiotika. Handelt es sich dabei um den ausdrücklichen Willen des Patienten, dem natürlichen Verlauf des Lebens bzw. des Sterbens nachzugeben, dann ist diese Art der Sterbehilfe in Deutschland legal. In einem solchen Fall wird ein Patient, der keinen Appetit mehr hat, nicht weiter künstlich ernährt. Die Appetitlosigkeit wird als normaler Zustand zum Lebensende gewürdigt. Die Ärzte und das Pflegeperson wissen zum Beispiel, dass eine künstliche Flüssigkeitszufuhr bei Sterbenden die Nieren unnötig belastet und ihre Schmerzen erhöht. Ein Herzinfarkt wird nicht mehr notärztlich behandelt. Von einer Chemotherapie wird abgesehen. Die Dialyse wird gestoppt.

Da passive Sterbehilfe nur denjenigen gewährt wird, die aufgrund ihrer Krankheit nur noch wenige Tage zu leben haben, kann man dabei auch von Sterben lassen sprechen. Passive Sterbehilfe geschieht auch dann, wenn bei einem sterbenden Menschen medizinische Maßnahmen beendet werden, weil er dies in seiner Patientenverfügung so angeordnet hat. Wird umgekehrt sein Wille missachtet, handelt es sich um strafbare Körperverletzung. Werden wiederum die medizinischen Maßnahmen gestoppt, obwohl der Patient weiter medizinisch versorgt werden möchte, wird von Tötung oder unterlassener Hilfeleistung gesprochen.

Indirekte Sterbehilfe

Die indirekte Sterbehilfe unterscheidet sich von der aktiven und der passiven Sterbehilfe dadurch, dass mit ihr der Tod nicht angestrebt, aber auch nicht verhindert wird. So kommt es beispielsweise in der Palliativmedizin vor, dass Patienten Schmerzmedikamente über einen längeren Zeitraum und in einer höheren Dosis einnehmen. Der Mediziner kennt die Nebenwirkungen, die damit zusammenhängen, und auch das Risiko, dass die Gaben das Leben verkürzen können. Doch die Schmerzmedikation hilft den Patienten im Endstadium einer schweren Krankheit wie Krebs einen gewissen Frieden zu finden. Auch bei schwerer Demenz sind Medikamente, die psychotische Angstzustände lindern, in hohen Dosen angeraten, um das Leben zu erleichtern. Diese Medikamente können auch das Bewusstsein trüben, damit der eigene Zustand nicht mehr als so belastend empfunden wird.

Da der Arzt die Wirkungen der Medikamente kennt, kann sein Handeln unterschiedlich gewertet werden. Die einen sehen darin eine Straftat, die anderen meinen, dass der Arzt hier lindernd wirkt, aber keine Medikamente zur Verfügung stehen, die ohne Nebenwirkungen sind. Daher sollte der Arzt in diesem Fall straffrei bleiben. Letztlich steht der Arzt in dem Dilemma, dass er auch dann, wenn er nicht mit Schmerzmitteln oder Antidepressiva unterstützt, wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt werden kann. Juristisch gesehen, zählt die Absicht des Mediziners, das Leiden des Betroffenen zu lindern. Der Tod kann dabei eintreten, wenn beispielsweise der Patient leicht sediert wird, um überwältigende Schmerzen aushalten oder eine Untersuchung erdulden zu können, oder wenn ein Beruhigungsmittel gegeben wird, um die Ängste, die bei einem Erstickungsanfall aufgetreten sind, zu mildern. In keinem Fall verfolgt der Palliativmediziner jedoch das Ziel, den Tod herbeizuführen. Er wird lediglich zugelassen.

Bei der indirekten Sterbehilfe sind ethische Grundsätze eine gute Orientierungshilfe. Es ist zu fragen, welche Absicht verfolgt wurde, ob das eingesetzte Mittel lindernd wirken sollte oder ob der Tod das Ziel der Handlung war. Auch ist zu fragen, welchen Verlauf die Krankheit ohne die Medikation nehmen würde. Letztlich ist ehrlich zu konstatieren, ob die Krankheit schleichend zum Tod führt.

Sterbebegleitung

Sterbende zu begleiten, ist eine wichtige Maßnahme, damit sie sich bis an ihr Lebensende angenommen fühlen und in Frieden gehen können. Dabei geht es nicht um medizinische Maßnahmen. Zumeist sind es ehrenamtliche Helfer, die den Sterbenden regelmäßig besuchen, ihn aufmuntern oder ihn dazu anregen, offen über Ungeklärtes zu sprechen. Möglicherweise gibt es noch Dinge, die der Sterbende in der Familie besprochen möchte. Oder er möchte mit bestimmten Menschen noch einen Streit bereinigen, bevor er diese Welt verlässt.

Um gehen zu können, ist es hilfreich, seine Vorstellungen über das, was nach dem Tod kommt, zu präzisieren, hierüber eventuell mit anderen zu sprechen und sich durch gedankliche Anregungen auf den Übergang vom Leben zum Tod vorzubereiten. Ist der Sterbende ein religiöser, gläubiger Mensch, wird ihm der Austausch mit Gleichgesinnten eine große Unterstützung sein, auch in einer sehr schwierigen, unabänderlichen Sterbensphase auf das zu bauen, was ihn durch das Leben getragen hat. Aus Sicht der katholischen wie der evangelischen Kirche ist die Sterbehilfe ein Eingriff in das göttliche Geschehen und wird daher abgelehnt. Sie sieht auch das Sterben als Lebensaufgabe an. Seelsorgerliche Begleitung kann dabei die Besinnung auf das Leben nach dem Tod vertiefen sowie lindernd und stärkend wirken.

Beihilfe zum Suizid

Bei der Beihilfe zum Suizid tötet sich der Sterbende selbst. Da er dafür aber ein Medikament zur Verfügung gestellt bekommt, handelt es sich um assistierten Suizid. Der Sterbewillige muss das Medikament selbst zu sich nehmen. Es wird dem Sterbewilligen ermöglicht, sich umzubringen. Diese Form der Sterbehilfe betrifft nur Personen, die noch selbst greifen und schlucken können. Gelähmte oder bewegungsunfähige Patienten können in einem solchen Fall nur die Nahrungsaufnahme verweigern.

Diese Art der Beihilfe ist zwar keine Tötungshandlung, aber zumindest eine unterlassene Hilfeleistung. Nach deutscher Rechtsprechung ist es strafbar, einen Selbstmord nicht zu verhindern. Auch kann der Vorgang so interpretiert werden, dass derjenige, der das Medikament mit tödlicher Wirkung besorgt, gegen das Arzneimittelgesetz oder das Betäubungsmittelgesetz verstößt.

Das Bundesverwaltungsgericht urteilte im März 2017 folgendermaßen: Wenn sich Personen den assistierten Suizid wünschen, die sich in einer extremen Notlage befinden, darf ein Arzt ein Medikament verschreiben, das tödlich wirkt (Barbiturate oder Morphium). Zu einer solchen Notsituation zählt eine unheilbare Krankheit, die starke Schmerzen verursacht. Diese Personen müssen aber in der Lage sein, aus freien Stücken zu entscheiden, ob sie das todbringende Medikament einnehmen möchten. Außerdem darf es keine zumutbare medizinische Alternative geben, wie sie durch die Palliativmedizin, die indirekte oder die passive Sterbehilfe ermöglicht würden. Im Fokus der Rechtsprechung steht die Person, die das Medikament besorgt und dem Sterbewilligen überreicht. Der Mediziner darf bei dem Selbstmord selbst nicht zugegen sein, andernfalls macht er sich wegen unterlassener Hilfestellung strafbar. Doch Laien dürfen den Sterbewilligen bei dieser Form des Selbstmordes straffrei unterstützen. Die Voraussetzungen dafür sind dieselben wie bei dem Mediziner. Um sicher zu gehen, dass alles legal verläuft, wird der assistierte Selbstmord meist auf Video aufgenommen. Dies soll die Freiwilligkeit belegen und nachweisen, dass der Mediziner selbst nicht vor Ort war.

Sterbefasten

Leidende, sterbenskranke Menschen wählen mitunter den Verzicht auf jegliche Nahrung und Flüssigkeitsaufnahme als besondere Form des Selbstmordes. Gerade im hohen Alter nimmt der Nährstoffverbrauch wie auch der Hunger ohnehin ab, viele Senioren verlieren das Gefühl für Durst. Auch dies kann, ähnlich dem assistierten Suizid, eine selbstgewählte Form des Sterbens sein, die allerdings eine Unterstützung benötigt, denn von außen darf nun keine Infusion mit Flüssignahrung als lebenserhaltende Maßnahme verordnet werden.

Palliativmedizin und -pflege

Die Palliativmedizin ist spezialisiert auf die medizinische Begleitung Sterbender. Sie ermöglicht den Patienten, ihr Lebensende individuell zu gestalten. Das Ziel ist es nicht, wie in der üblichen Schulmedizin, durch die Therapieform eine Heilung herbeizuführen. In hohem Alter und im Endstadium unheilbarer Krankheiten können die Eingriffe durch die Apparatemedizin eventuell Hoffnungen schüren, bedeuten aber in den meisten Fällen eine große Belastung für das ohnehin schwache Immunsystem und oftmals einen schnelleren Tod, zum Beispiel wenn eine Lungenentzündung mit einer Chemotherapie einhergeht.

Die ärztliche Behandlung richtet sich bei unheilbar Kranken anders aus als bei Patienten, deren Krankheiten heilbar sind. Die medizinische Versorgung wird dann mithilfe von palliativen Maßnahmen umgesetzt. So diagnostizieren die Palliativmediziner die Sterbephase als eine Lebensphase, bei der die Indikation bestimmter Maßnahmen versagt, denn bei sterbenden und unheilbar kranken Menschen gilt es nur noch, die Lebensqualität bis zum Lebensende aufrechtzuerhalten. Der Patient wird in seiner Würde respektiert und liebevoll begleitet. Die Fachkräfte besprechen mit den betroffenen Patienten und ihren Angehörigen in Ruhe, welche Wünsche der Patient noch hat und welche Therapieformen sich anbieten. Dabei kann es sich um eine gezielte Schmerzmedikation handeln, aber auch um das Abschalten der Beatmungsgeräte, wenn der Patient nicht mehr bei Bewusstsein ist.

Gründe für und gegen Sterbehilfe

Wer in seiner Patientenverfügung Anweisungen hinsichtlich einer möglichen Sterbehilfe festhalten möchte, muss bei klarem Verstand und einwilligungsfähig sein. Die meisten Menschen, die ihre Patientenverfügung aufsetzen, sind bei guter Gesundheit und möchten ihrem Selbstbestimmungsrecht nachkommen, ohne genau zu wissen, was noch alles auf sie zukommt. Daher gilt es, sich ganz grundsätzlich die Frage zu stellen, was für oder was gegen Sterbehilfe spricht.

Bei den bisherigen Ausführungen zur Sterbehilfe ging es um einen vorzeitigen Tod im Endstadium einer unheilbaren Krankheit. Das heißt, es ging darum, dass der Leidensprozess gemildert, verkürzt oder gar beendet wird. Das ist scheinbar eine bestimmbare Größe im Sinne von Lebensqualität. Was dabei nicht berücksichtigt wird, sind emotionale Aspekte, die das Leben lebenswert machen. Hierzu gehört der Zuspruch, den der Patient von nahen Angehörige, von Seelsorgern oder von Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft erhält. Doch der Patient kann selbst Kraft und Lebensenergie an seine Familie weitergeben, indem er seinen Lieben zeigt, wie er mit der schwierigen Situation umgehen kann, damit sie ihn in Frieden gehen lassen können.

Schwierige Zeiten führen einen auch dazu, darüber nachzudenken, wie das eigene Leben verlaufen ist. Dankbarkeit kann deutlicher empfunden werden für das, was alles gut war. Es bietet sich aber auch die Gelegenheit, einen alten Zwist beizulegen, sich eventuell mit den Kindern zu versöhnen, die einen ganz anderen Weg eingeschlagen haben, als man es selbst für richtig hielt. Wer diese Zeit gut für sich nutzt, kann in Frieden dem Tod entgegensehen. Bis zuletzt kann für eine solche Klärung psychologische oder seelsorgerliche Unterstützung angenommen werden.

Andere Argumente für Sterbehilfe gehen davon aus, dass der Betroffene körperlich und geistig nicht mehr er selbst ist. Der Sterbewillige möchte sich nicht in all seiner körperlichen Hilflosigkeit erfahren, möchte nicht, dass andere ihn so erleben, und möchte auch niemandem komplett zur Last fallen. Gerade die eigenen Angehörigen sollen nicht durch das eigene Siechtum eingeschränkt werden. Abgesehen davon, dass das Leben jetzt keinen Sinn mehr hat und die Pflege das zurückgelegte Vermögen unnötig verschlingt. Dann kann es richtig sein, der indirekten oder passiven Sterbehilfe zuzustimmen.

Wichtig ist zu erkennen, wann der Wunsch nach einer aktiven Beendigung des Lebens so gefestigt ist, dass nicht mehr an ihm gezweifelt wird. Dies ist im Vorfeld schwer zu definieren. Es gibt unheilbare Krankheiten mit ungeheuer starken Schmerzen, bei denen der Patient lange bei klarem Verstand bleibt und durchaus positive Zeiten erlebt. Andere Krankheiten wie die Demenz führen zu einer geistigen Verwirrung und werden durch Komorbiditäten erschwert, doch auch jetzt noch können Erinnerungen und schöne Gefühle wachgerufen werden. Wer kann entscheiden, ob es sich in solchen Situationen nicht mehr lohnt zu leben?

Die Voraussetzung für Sterbehilfe ist die Todesnähe eines Menschen. Dies ist bei alten und sehr alten Menschen der Fall. Sie erleben zunehmend, dass sie immer weniger von dem machen können, was sie früher konnten. Wenn sie nun meinen, dass sie gerade das als Person ausmachte, nimmt ihr Lebenswille kontinuierlich ab. Dieses Nicht-Mehr-Können kann dazu führen, dass sie in eine depressive Verstimmung rutschen, aus der ihnen auch eine liebevolle Unterstützung und gut gemeinter Zuspruch nicht mehr heraushelfen. Sie wünschen sich ihr Lebensende herbei. Doch diese Todesnähe ist bei der Sterbehilfe nicht gemeint, sondern die, die durch das Endstadium einer unheilbaren Krankheit hervorgerufen wird. Jetzt andere Personen dazu anzuweisen, der Krankheit ein Ende zu bereiten, ist gleichzusetzen mit einer bewussten Begleitung zum Sterben. Ein Selbstmord in Zeiten, in denen eine Person noch jünger ist und die Chance hat, ein erfülltes Leben zu führen, benötigt dagegen großen Mut und eine große Willenskraft, da der Lebenswille im Normalfall die stärkere Kraft ist. Der Wunsch nach passiver und indirekter Sterbehilfe oder nach einem assistierten Selbstmord ist daher zwar aus der Perspektive eines Betroffenen nachvollziehbar, doch kann eine Person bereits heute genau sagen, wann dieser Wunsch unumkehrbar eintreten wird? Gibt es dafür einen Maßstab, der sich so mitteilen lässt, dass beispielsweise der Bevollmächtigte oder der gesetzliche Betreuer ihn wirklich verstehen können?

Sterbehilfe kann auch aus der Perspektive der Ausführenden und der Begleitenden betrachtet werden. Überlegen Sie, was es für Ihre Angehörigen bedeutet, wenn Sie sich aktiv den Tod wünschen. Können Ihre Angehörigen damit umgehen, wenn Sie hierfür deren Unterstützung brauchen? Es kann die Angehörigen überfordern. Es kann aber auch das Band zwischen Ihnen besonders eng werden lassen. Schließlich kann es für Ihre Angehörigen eine Erleichterung sein mitzuerleben, wie Ihr bedauernswerter körperlicher und emotionaler Zustand auf eine gute Weise beendet wird. Doch mitunter belasten die Angehörigen finanzielle Probleme, wie die Kosten für Ihre Pflege, oder familiäre Unstimmigkeiten, wie die Aufteilung Ihrer Hinterlassenschaften, was den Lösungsprozess erschwert. Eventuell sind dies Dinge, die Sie im Zusammenhang mit Ihren Erwägungen zur Sterbehilfe klären können, da es sich eher um organisatorische Angelegenheiten handelt. Dann können die medizinischen Fragen nach einer passenden Behandlung zum Lebensende unabhängig davon beantwortet werden.

Menschen, die große Angst vor Schmerzen haben oder davor, anderen hilflos ausgeliefert zu sein, entscheiden sich möglicherweise aus Unkenntnis für eine Sterbehilfe. Die Palliativmediziner betonen, dass es umfassende therapeutischen Möglichkeiten gibt, das Leben bis zuletzt weitgehend schmerzfrei und würdevoll zu erleben. So kann es sein, dass jemand zwar in seiner Patientenverfügung festgelegt hat, dass er bei sehr starken Schmerzen eine passive Sterbehilfe wünscht, diese aber aufgrund der guten medikamentösen Einstellung gar nicht benötigt und man bei ihm höchstens noch von indirekter Sterbehilfe sprechen kann. Das bedeutet, sein Leben wird nicht reduziert auf das akute Schmerzempfinden.

Was gehört in die Patientenverfügung?

Viele Menschen wünschen sich den Tod herbei, wenn sie sehr alt sind, keine Aufgabe mehr haben und keinen Sinn in ihrem Leben mehr sehen. Hier besteht allerdings noch keine Veranlassung, den Tod aktiv herbeizuführen. Doch wie sieht es bei schwerbehinderten Menschen aus, bei Wachkoma-Patienten, Menschen mit Demenz in fortgeschrittenem Stadium oder mit dem Locked-in-Syndrom? Wer entscheidet bei ihnen, ob sie mit ihrer Situation ein gutes Leben führen können, ob sie eine Aufgabe und einen Sinn in ihrem Leben sehen? Sie können keine Auskunft mehr darüber geben, wie sie ihren Alltag erleben und ob sie ihn frühzeitig beenden wollen.

Für solche Fälle ist es wichtig, sich frühzeitig Gedanken zu machen und sich eine Meinung zu bilden. Dazu benötigen Sie fachkundigen Rat von einem Intensivmediziner und/oder einem Palliativmediziner. Informieren Sie sich, welche Behandlungsformen in der Sterbephase empfohlen werden. Lassen Sie sich dafür unterschiedliche Krankheitsbilder und Krankheitsverläufe schildern. Bringen Sie in Erfahrung, wie aus schulmedizinischer Sicht damit umgegangen wird und ob das Alter des Betroffenen dabei berücksichtigt wird. Schildern Sie Ihre Vorstellungen eines friedlichen Sterbens und fragen Sie, bei welchem Krankheitsverlauf die passive oder die indirekte Sterbehilfe dem am nächsten kommt. Erwägen Sie, welche Konsequenzen eine palliative Schmerztherapie für Sie hat, die lebensverlängernd ist, aber möglicherweise komplexe Nebenwirkungen nach sich zieht. Fragen Sie sich ehrlich, wovor Sie angst haben, wenn Sie ans Sterben denken. Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, was belastet Sie am meisten? Handelt es sich dabei tatsächlich um körperliche Symptome oder um Einsamkeit, um Kontrollverlust, um Sinnentleerung? Prüfen Sie, welche Bereiche davon medizinisch behandelbar sind, für welche eventuell psychologische oder seelsorgerliche Hilfe angesagt ist und welche Ängste im Kreise Ihrer Angehörigen aufgefangen werden. Fragen Sie sich auch, wann der Tod der letzte Ausweg ist.

Nur wenn in der Patientenverfügung diesbezüglich klare Aussagen zu finden sind, kann der Arzt beispielsweise die passive Sterbehilfe umsetzen, ohne selbst rechtliche Konsequenzen fürchten zu müssen. Im Gegenteil, er darf dann den geäußerten Willen des Patienten nicht ignorieren. Hierbei wird das Selbstbestimmungsrecht des Patienten höher bewertet als die Verpflichtung des Arztes, Leben zu erhalten. Es ist dabei egal, ob der Patient lebenserhaltende Maßnahmen möchte, den Abbruch der bisherigen Behandlung im Sinne der Palliativmedizin oder die aktive Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen. Behalten Sie sich auch vor, eine Änderung der Therapie bzw. des Therapieziels zu fordern, wenn der bisher gewünschte Behandlungsweg nicht das Ergebnis zeitigt, das Sie akzeptieren können. Der behandelnde Arzt muss Ihren Patientenwillen umsetzen, auch wenn es sich dabei um den Abbruch einer Behandlung handelt, er anderer Meinung ist als Sie oder die Krankheit, die Sie nicht mehr aushalten möchten, aus medizinischer Sicht noch heilbar wäre.

2010 hat das BGH festgelegt, dass die Patientenverfügung bzw. eine mündliche Willensäußerung hinsichtlich der medizinischen Behandlung bei unheilbarer Erkrankung für das medizinische Fachpersonal bindend sind. Die daraus folgenden Handlungen bleiben zudem straffrei, solange sie dem Willen des Patienten entsprechen. Auch ein Bevollmächtigter, ein rechtlicher Betreuer sowie das Betreuungsgericht sind daran gebunden. Für die Ärzte wurden 2011 die Grundsätze zur ärztlichen Sterbebegleitung durch die Bundesärztekammer an diese neue Entwicklung angepasst. Die Erfahrung zeigt, dass die Patientenverfügung in der Regel nicht ausreicht, wenn kritische Situationen eintreten, deren Verlauf und deren Endergebnis nicht klar bestimmt werden können. Als Beispiel wäre hier das anhaltende Koma zu nennen. Es gibt Fälle, in denen ein Komapatient nach langer Zeit aus dem Koma erwacht ist und anschließend wieder ein gutes Leben führen konnte. Beauftragen Sie daher mithilfe einer Vorsorgevollmacht eine Vertrauensperson, die die Mediziner bei den Entscheidungen hinsichtlich der Sterbehilfe unterstützt und gegebenenfalls Ihren Willen durchsetzt.

Wägen Sie in Ihrer Patientenverfügung Ihr Recht auf ein Leben in Würde ab, das auch das Recht auf Sterben umfasst. Bedenken Sie aber, dass Sie von niemanden die Tötung verlangen dürfen.

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