Sterbehilfe in der Schweiz: Deshalb scheint der Boom vorbei

Patientenverfügung.digital

5.11.2019

Die Schweiz gilt als Sterbehilfe-Hochburg Europas. Jahr für Jahr beendeten nicht nur immer mehr Schweiz ihr Leben mit Hilfe einer Sterbehilfe-Organisation, sondern auch Ausländer. Nun stagnieren die Zahlen zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt. Was steckt dahinter?

Sterbehilfe in der Schweiz

Die Entwicklung seit 2003

Seit den 2000er Jahren stiegen die Zahlen der Sterbehilfe-Patienten in der Schweiz an. Während sich 2003 nur 187 Leute mit Wohnsitz in der Schweiz das Leben mit einer Freitod-Organisation nahmen, verfünffachte sich diese Zahl in den nächsten 13 Jahren. Im Jahr 2015 starben in der Schweiz fast 1000 Menschen durch Sterbehilfe – das sind fast 1,5 Prozent aller Todesfälle im Land. Auch die Zahl der Ausländer, die sich für Sterbehilfe in der Schweiz entschieden, verdoppelte sich zwischen 2008 und 2012.

Übrigens: Gemäß dem Schweizer Strafrecht ist Beihilfe zum Freitod nur strafbar, wenn dies aufgrund selbstsüchtigen Beweggründen geschieht – das beinhaltet zum Beispiel ein Verleiten zum Suizid, um früher zu erben oder eine Unterhaltspflicht zu beenden. Aktive Sterbehilfe („Tötung auf Verlangen“) ist auch in der Schweiz verboten.

Die Folgen des Booms

Der Boom der Sterbehilfe führte in der Schweiz zu einer Abnahme der „nicht-assistierten“ Suizide von etwa 1300 auf 1000 pro Jahr. Dennoch waren die steigenden Zahlen durchaus besorgniserregend – denn assistierte und nicht-assistierte Suizide zusammen ergaben etwa 2000 Fälle pro Jahr. Zum Vergleich: Im Durchschnitt sterben in der Schweiz nur 230 Leute jährlich durch Verkehrsunfälle.

Übrigens: Der größte Kritiker der Schweizer Sterbehilfe ist die Kirche. Bereits 2002 schrieb die Schweizer Bischofskonferenz: «Der Versuch, das Sterben mit einem selbst bestimmten und möglichst schmerzlosen Freitod zu bewältigen, beraubt den Menschen der Spannung, die durch den unberechenbaren Tod in sein Leben tritt, verkennt die sozialen Auswirkungen des Sterbens und verweigert das Vertrauen darauf, dass ein Größerer Leben und Sterben in der Hand hält.»

Der Knick in der Kurve

Seit Beginn der Statistik gibt es nun zum ersten Mal einen Rückgang der assistierten Suizide – im Vergleich zum Vorjahr gab es 2016 einen Rückgang um vier Prozent. Andere und neuere Zahlen zeigen eine ähnliche Entwicklung: Die Sterbehilfe-Organisation EXIT begleitete 2015 die meisten Menschen in den Tod und erlebte danach einen Rückgang. Seit 2017 stagnieren die Zahlen – genau wie bei der Sterbehilfe-Organisation Dignitas, die 2018 und 2017 etwa 221 Menschen beim Suizid begleiteten. Der Grund dafür ist eine Alternative, die immer beliebter wird.

Wichtig: Die Erstellung der Todesursachen-Statistik ist zeitaufwändig. Deshalb stammen die neuesten Zahlen des Bundesamts für Statistik aus dem Jahr 2016.

Palliativmedizin sorgt für Rückgang

Wer nach Gründen für den Rückgang der assistierten Suizide sucht, wird bei der Palliativmedizin fündig. Eine besser ausgebaute Palliativmedizin ist laut EXIT der Hauptgrund für die stagnierende Entwicklung der letzten Jahre. Die Palliativmedizin kann das Leben trotz unheilbarer Krankheit lebenswert gestalten – und immer mehr Menschen wissen das. Deshalb rechnet die Präsidentin (Monika Obrist) des Vereins Palliativ CH damit, dass die Anzahl der assistierten Suizide auch in den nächsten Jahren nicht weiter steigen wird. Wer sich für Palliativmedizinall entscheidet, muss weder bis zum Ende leiden noch das Ende selber herbeiführen. Auch in Deutschland wird Palliativmedizin als Gegenstück der Intensivmedizin immer beliebter.

Übrigens: Die Palliativmedizin möchte das Leiden von unheilbar kranken Menschen verringern und die Lebensqualität erhöhen. Im Gegensatz zur Intensivmedizin geht es demnach nicht um maximale Lebensverlängerung. Für eine höhere Lebensqualität akzeptieren Patienten der Palliativmedizin eine verkürzte Lebenszeit.

Weniger Sterbetourismus

Auch der Boom des Sterbetourismus scheint vorbei. Im Gegensatz zu EXIT bedient Dignitas auch Ausländer und verzeichnet seit 2012 dennoch stagnierende Zahlen. Entscheiden sich sterbewillige Menschen lieber für einen Tod in ihren Heimatländern? Nein – tatsächlich sinkt die Suizidrate in fast allen Ländern der Welt. Das liegt im Westen an der wachsenden Palliativversorgung, in anderen Ländern an mehr Lebensqualität und sozialen Freiheiten. In China oder Indien bringen sich zum Beispiel weniger junge Frauen um, weil die Anzahl von Zwangsverheiratungen abnimmt.

Übrigens: Nur in den USA steigt die Suizidrate in den letzten Jahren weiter an. Laut der US-Gesundheitsbehörde CDC nahmen sich 2016 fast 45.000 Amerikaner das Leben – knapp 25 Prozent mehr als 1999.

Fazit und ein Blick in die Zukunft

Eine Prognose für die Zukunft ist schwer zu treffen. Es bleibt vor allem abzuwarten, wie die Generation der „Babyboomer“ (1946 – 1964) mit dem Tod umgehen wird – Menschen dieser Generation legen viel Wert auf Selbstbestimmung, was die Zahlen der assistierten Suizide laut Experten weltweit ansteigen lassen könnte. Festzuhalten ist, dass die Palliativmedizin eine ernstzunehmende Alternative zur Sterbehilfe bietet – selbst in Ländern, wo  legal ist. Wer sich in Deutschland für palliative Maßnahmen entscheiden möchte, kann sich mit einer Patientenverfügung absichern.

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