Patientenverfügung – Die Entscheidung zählt!

Moritz Smith

2018-11-14

Vor einiger Zeit gab es im näheren Umfeld eines Bekannten meinerseits eine tragische Geschichte. Ein Familienvater, sportlich, Mitte 50 und gesunder Lebensstil, erleidet einen Verkehrsunfall. In selbst trifft keine Schuld – der andere Verkehrsteilnehmer war mit über 2 Promille deutlich alkoholisiert. Frontalzusammenstoß auf der Landstraße.

Autounfall

Der Mann wurde sofort in eine Klinik gebracht – der Notarzt vor Ort befürchtete jedoch bereits Schlimmstes. Beim Unfall wurde das Rückenmark stark geschädigt mit Verdacht auf Querschnittslähmung. In der Klinik wurde später eine Hirnblutung festgestellt, die vermutlich durch den starken Aufprall hervorgerufen wurde. Es folgte eine Notoperation und ab diesem Tag war der Mann im Koma. Ein Schock für die Familie.

Die Ehefrau und Kinder waren tagtäglich zu Besuch und es gab Unterstützung von allen Seiten. Doch die Ärzte konnten auch nach Wochen keine Besserung feststellen. Der Verdacht auf Querschnittslähmung hatte sich bestätigt und welche Schäden durch die Hirnblutung entstanden sind, konnte keiner mit absoluter Sicherheit sagen. Klar war jedoch, der Mann würde nie wieder ein eigenständiges Leben führen können.

Das Umfeld des Betroffenen war erschüttert und die Familie am Boden zerstört. Keiner wusste so recht, was zu tun ist. Wird er jemals aufwachen? Welche dauerhaften Schäden wird er davontragen? Würde er durch den Hirnschaden noch sprechen können oder die eigene Familie überhaupt erkennen können? Würde er mit einer Querschnittslähmung das Leben als lebenswert erachten? Fragen über Fragen, auf die es keine Antwort gab.

Nach Ansicht der Experten gab es wenig Hoffnung, dass der Mann aus dem Koma jemals wieder erwachen würde. Selbst wenn ein Wunder geschehen sollte, bliebe das Unfallopfer laut den Ärzten ein lebenslanger Pflegefall. Zu gravierend waren die Hirnblutungen, von der Querschnittslähmung ganz zu schweigen.

Eine Nachricht, mit der die Familie erst einmal klar kommen muss. Was ist jetzt zu tun? Die Ärzte erkundigten sich bei der Ehefrau nach einer Patientenverfügung. Das Ehepaar hatte sich nie wirklich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Warum sollte man sich in so jungen Jahren mit so bedrückenden Themen wie dem Tod oder Koma beschäftigen? Eine Vorsorgevollmacht bevollmächtigte die Ehefrau in einer Notsituation Entscheidungen für den Ehemann zu treffen. Eine Patientenverfügung gab es jedoch nicht.

Der Mann wurde künstlich ernährt und war über Monate an Schläuche angeschlossen.  Der Zustand blieb jedoch unverändert. Bei jedem Besuch war es eine seelische Qual für die Ehefrau. Ihr Ehemann hätte sich das bestimmt nicht gewünscht, dessen war sich die Ehefrau sicher. Es musste eine Entscheidung getroffen werden. Sollten die Geräte abgeschaltet werden? Mit dieser Frage war die Frau nun komplett auf sich alleine gestellt. Sie allein muss über Leben oder Tod ihres Ehemannes entscheiden. Den Mann, den sie seit vielen Jahren liebt und mit dem sie eine Familie gegründet hat. Können Sie sich eine solche Situation vorstellen?

Nach mehreren Monaten hat sich die Ehefrau schließlich entschieden, die Maschinen abstellen zulassen. Sie wollte ihrem Ehemann kein Leben als Pflegefall zumuten – und sie könne es nicht mit ansehen, wie er monate- oder gar jahrelang an den weiter an den Maschinen hängt und gequält wird, ohne dass sein Zustand sich verbessere.

Es folgten mehrere unabhängige Gutachten. Ein Rechtsanwalt wurde zugeschaltet. Enorme zusätzliche Kosten, die dadurch zusätzlich auf die Familie zukamen. Die psychische Belastung für die Familie kann man nur erahnenden. Schließlich bestätigte ein Gericht die Entscheidung der Ehefrau. Alle lebensverlängernden Maßnahmen wurden eingestellt. Der Ehemann ist kurz darauf verstorben.

Später erfahre ich über viele Ecken, dass die Frau sich später in therapeutische Behandlung begeben hat. Die Schuldgefühle, über das Leben Ihres Mannes entschieden zuhaben, war wohl schlichtweg zu groß. Mit diesem Problem ist sie bestimmt nicht allein. Tausende von Menschen müssen eine solche schwere Entscheidung treffen. Menschen, die mit so einem Schicksalsschlag niemals gerechnet hätten. Wie hoch wohl die Dunkelziffer derer ist, die sich nach so einem schweren Schicksalsschlag in psychiatrische Behandlung begeben müssen?

Eine solche Entscheidung ist zweifelsohne eine der schwersten im Leben eines Menschen. Dies möchte man niemandem zutrauen – oder möchten Sie, dass Ihre Liebste oder Ihr Liebster später einmal eine so gravierende Entscheidung treffen müssen? Deshalb bin ich überzeugt: Die Patientenverfügung ist ein Liebesbrief an Ihre Liebsten!

Die Patientenverfügung kann Menschen, die sich lieben, diese schwere Entscheidung abnehmen. Der Betroffene kann selbst noch zu Lebzeiten bestimmen, wie vorgegangen werden soll. Sie können selbst entscheiden, welche Behandlungen unter welchen Umständen eingesetzt oder eben nicht eingesetzt werden sollen.

Für die Patientenverfügung gilt genauso wie für den Organspende-Ausweis: Es zählt nicht, wie Sie sich entscheiden, sondern dass Sie Ihre Entscheidung festhalten, damit entlasteten Sie Ihre Angehörige im Notfall.  Ich habe meine Patientenverfügung kürzlich erstellt und unterzeichnet. Meine Empfehlung wäre das Thema nicht lange hinauszuzögern. Niemand weiß was uns morgen erwartet. Es ist nicht wichtig wie sie sich entscheiden. Wichtig ist, dass Sie sich entscheiden. Die Entscheidung zählt!